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Hunde vermenschlichen – ein zweischneidiges Schwert

Autor: root 08.07.2020

Der Züchter macht den Anfang …….

Schon wir Züchter geben unserem Nachwuchs Namen. Okay, die Rassehundezucht sieht das so vor, sie gibt sogar den ersten Buchstaben vor, und wenn man mit dem Alphabet durch ist, fängt man von vorne wieder an. Aber auch wenn es für die Ahnentafel nicht gefordert wäre, meine Welpen hätten Namen. Alle. Ganz sicher sogar. Als Züchterin sehe ich vom ersten Atemzug der kleinen Wesen an  eine Persönlichkeit in ihnen und die benenne ich auch. Fällt einem auf Anhieb nichts ein, reichlich Hilfe gibt’s im Internet. Da wimmelt es von Vorschlägen für Hundenamen, alphabetisch geordnet, getrennt nach Männlein und Weiblein und mit tiefgründiger Erklärung, wofür der Name steht. Ein Blick in die Wurfkiste und man denkt: „Bingo, der Name passt wie Faust aufs Auge“. 

Namen sind wichtigUnd schon haben wir eine kleine Bella, einen kleinen Enzo oder Enrico. In Fall links einen „Frischling“ namens Elliot.

Selbst Hundetrainer Martin Rütter widmet einen Teil seiner Bühnenshow dem Thema Hundenamen. Er philosophiert und ulkt über die  Hochkonjunktur der Doppelnamen und hat die Lacher auf seiner Seite, wenn er beschreibt wie auf den Wiesen, Feldern und Hundeplätzen nicht nach Lassie, Rex und Co., sondern nach den vierbeinigen Emma-Maries dieser Welt gerufen wird.

Zurück zu uns Züchtern. Wir haben ein großes Privileg. Wir sind bei der Geburt der Welpen dabei, live und vor Ort. Wir interessieren uns vom ersten Moment an für die Neugeborenen und für ihre weitere Entwicklung. Mit der Namensgebung beginnt aber auch die Vermenschlichung.  In diesem Fall finde ich das gut, richtig gut sogar.

Wirklich deprimierend und traurig wäre es doch, wenn ein Züchter nach 8 , 9 oder 10 Wochen die Käufer fragen würde: „Wen hätten sie denn gerne, das Pummelchen hier vorne hinterm Zaun oder den Braunen, der hinten in der Ecke liegt?“, ach und übrigens: „Zahlen sie bar oder mit Karte?“

In der Hundezucht geht es um weit mehr als das Vermehren einer taxonomischen Unterart. Da geht’s um Herzblut.

Bei den Hundebesitzern geht es weiter ……

Wenn später Hundebesitzer miteinander über ihre Lieblinge reden oder die Hundesportler unter uns auf dem Platz über das Training fachsimpeln hört sich das oft so an:

„Benji hat heute wieder mit seinem allerbesten Freund getobt“ , „Lotti war heute wieder mal eifersüchtig auf meine kleine Enkelin, das muss ich ihr wirklich abgewöhnen“, „Mensch, ist meiner immer aufgeregt, wenn es an der Tür klingelt“.  „Wenn wir andere Hunde sehen,  freut meine sich schon von weitem wie eine Irre“.

Die Trainingsleute sind sich einig: Ihre Hunde sind nicht nur aufs Äußerste durchtrainiert und sportlich, nein, sie sind auch clever und sehr intelligent. Fehlt nur der IQ-Test als Hundesportdisziplin.

Soll alles heißen. Wir geben unseren Hunden nicht nur Namen, sondern wir verleihen ihnen wie selbstverständlich auch menschliche Züge, wir interpretieren Eigenschaften und Charaktere in sie hinein was das Zeug hält. 

Den Vogel bei all den Aufzählungen schießt eine weitere, oft im Brustton der Überzeugung formulierte Aussage ab, die sich unglaublich tradiert hält:  „Also mein Hund ist halt dominant, da kann man nichts machen“.  Der Hund wird wegen einer angeblichen Eigenschaft abgestempelt, die Beziehung Hund-Halter wär`s aber gewesen.

Wollen wir die wichtigsten Eigenschaften unserer Hunde benennen, reicht ein ganz kurzer simpler Satz:

Hunde sind soziale (Raub)tiere

In diesem Satz  steckt so ziemlich alles drin. Hunde wollen nicht gerne alleine sein und sie sind Tiere. Eliminieren wir durch Vermenschlichung also nicht, was sie sind und lassen wir dieses Tier im Hund Tier sein, mit allem, was dazu gehört, ob uns das in den Kram  passt oder nicht. Ein ausgiebiges Schlammbad am Morgen, ein lasziver Hüftstoß in Richtung Nachbarshündin, ein Anrempeln vom Konkurrenten ein paar Straßenzüge weiter, das Fressen von was Ekligem auf der Wiese, das Hochspringen an Fremden mit weißen Hosen, das nervtötende Bellen am Gartenzaun. Den Hunden gefällts, denn das bedeutet Tiersein. Ein hoch komplexes Säugetier lässt sich einfach nicht durch ein paar menschliche Adjektive erklären bzw. darauf reduzieren. Das greift zu kurz und sorgt höchstens für Frust beim Halter. Das beste Beispiel dafür ist die oben erwähnte Dominanz, gesehen als unveränderbare Eigenschaft.

Der Lagotto ist rustikal, das verschafft ihm Vorteile ……

Ich freue mich, dass der Lagotto als rustikal im Aussehen beschrieben wird. Das erspart ihm, denke und hoffe ich, so einiges, was andere Hunde regelmäßig über sich ergehen lassen müssen. Angefangen vom viel zu häufigen Einshampoonieren, vom Schleifchen im Haar, vom selbstgestrickten Designer-Pullover, von der aufwendigen Frisur, die sitzen muss, wenn die Verwandtschaft anrückt. Und das sind noch die harmlosen – sicherlich oft gut gemeinten – Vermenschlichungen und Tätlichkeiten, die wir mit unseren Hunden - ohne es zu hinterfragen -durchexerzieren.

Schwimmen macht SpaßWas unsere Lagotti angeht. Facebook, Instagram & Co zeigen oft eins. Die Hunde dürfen Hund sein. Es gibt Posts, Bilder oder Videos von Dreck übersäten kleinen „Erdferkeln“, Lagotto suhlt sich in  Matschpfützen oder latscht zumindest durch jede durch. Lagotti, festgehalten im Bild beim Schwimmen. Man sieht Toben, gemeinsame Rennspiele mit Kumpels. Zuhause auf dem Sofa chillen oder gemeinsam im Urlaub etwas unternehmen. Jede Menge pfiffige Tricks sind dabei und Sequenzen von geübter Impulskontrolle mit Wau-Effekt.

Das ist es ziemlich sicher,  was es ausmacht. Die tiefe und enge Bindung zwischen Hund und Halter zeigt sich auf Grundlage gemeinsamer Aktionen und ganz sicher nicht aufgrund von Projektionen.

Elke Vossel

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